Für jeden Tag mehr

Die Immanuel Klinik Rüdersdorf und ihre Poliklinik geben Palliativpatienten neue Lebensqualität

Die Arbeit mit Palliativpatienten hat viel mit Zuwendung, Empathie und Kommunikation zu tun. (Fotos: M. Schröder)
Die Arbeit mit Palliativpatienten hat viel mit Zuwendung, Empathie und Kommunikation zu tun. (Fotos: M. Schröder)

Richtige Entscheidung. Oder ist sie doch falsch? Die Erkenntnis kommt erst, wenn alles vorbei ist. Was wäre wenn? »Ja, dann kommen wir an Grenzen, die wir manchmal überschreiten müssen«. Dr. Kerstin Stahlhut könnte so viele Beispiele nennen, bei denen sie und ihre Kollegen die Entweder-Oder-Entscheidung treffen mussten. Genau dann, wenn das Leben nur noch in Tagen gemessen wird.

Ein Beispiel: Ein Patient, gerade vierzig Jahre alt, fortgeschrittenes Tumorleiden, unheilbar krank – todkrank. Und nun kommt der Augenblick, da müssen die Ärzte sich festlegen. Der Patient ist nicht ansprechbar, er braucht eine Dialyse – jetzt noch, so kurz vor dem Ende. »Wir hatten uns dafür entschieden«, für die Blutreinigung des schwerstkranken Körpers. Die Palliativmedizinerin Stahlhut spricht von »Grauzonen am Lebensende«, wenn sie Situationen wie diese beschreibt. Der Patient von damals kam wieder zu Bewusstsein und wurde später von der Intensiv- wieder auf die Palliativstation verlegt. Es war die richtige Entscheidung, die Grenze auf diese Weise zu überschreiten – mit der lebensverlängernden Maßnahme. »Was wünschen Sie sich?«, fragte ihn Kerstin Stahlhut: »Leben«. Drei kostbare Wochen Leben, so viel. Die bekam der vierzigjährige Familienvater. Zuhause ist er friedlich verstorben, seine engsten Angehörigen waren dabei.

Alle haben Hoffnung

Ein zweigeschossiger Neubau, die Fassade im warmen Ocker passend zum Logo der Immanuel Diakonie, dem Träger der Rüdersdorfer Klinik. Gleich am Ortseingang liegt sie, in bester Lage – Seeseite; die Hausanschrift: »Seebad«. Der Rahmen zum Gesundwerden stimmt. Die, die es nicht mehr werden, bekommen hier Lebensqualität zurück, so viel wie möglich. Das ist die Aufgabe, die Palliativmediziner wie Dr. Kerstin Stahlhut übernehmen. Palliativmedizin beginnt mit der Diagnose einer nicht heilbaren Krankheit. In neunzig Prozent ist der Grund eine Krebserkrankung. Die Lebenszeit, die noch bleibt, fällt unterschiedlich aus. Viele Jahre noch, oder doch nur die wenigen Tage, die bleiben und gelebt werden wollen. »Alle haben Hoffnung.« Die meisten kommen nicht, um zu sterben.

In einem Gebäude abseits des Haupthauses befindet sich die Praxis für Onkologie und Palliativmedizin. »Poliklinik Rüdersdorf« steht auf dem straff gespannten Banner, das draußen an der dritten Etage hängt. Das Erdgeschoss teilen sich die Palliativmediziner mit den Kinderärzten, fast sinnbildlich für den Anfang und das Ende. Hier werden die Patienten ambulant behandelt, im Hauptgebäude geschieht dies auf der Palliativstation, dort stehen die neun Betten. Palliativmedizin ist nicht gleichbedeutend mit Hospiz. Viele können die Begrifflichkeiten nicht trennen, weiß Kerstin Stahlhut. »Unsere Arbeit beginnt mit der Diagnose einer unheilbaren Erkrankung« wiederholt sie und bringt gleich eine wichtige Ergänzung: »und nicht erst kurz vor dem Tod«. Gäbe es nicht Angebote wie das der Immanuel Klinik Rüdersdorf, würden Patienten nach der stationären Behandlung auf der Palliativstation bei Symptomen immer wieder stationär aufgenommen werden müssen. Aber mit der ambulanten palliativen Versorgung zu Hause (SAPV) können sie einen Umweg einschlagen, der ihnen möglichst viel Lebensqualität zurückgibt.

Die Angehörigen als Partner

Auf der Palliativstation kümmert sich ein multiprofessionelles Team um die Patienten. Neben der medizinischen Behandlung bekommen die Patienten Musikthe-rapie geboten, Ergo- und Physiotherapie, sie sollen wieder erlernen können, wie sie sich durch die Wohnung bewegen. Der Sozialdienst hilft und natürlich die »Palliativ Care-Pflege«, besonders geschulte Schwestern und Pfleger. Ihre Arbeit mit den Palliativkranken habe viel mit Zuwendung zu tun, mit Empathie und Kommunikation. Die wichtigsten Partner von Medizinern, Pflegern und Therapeuten sind die Angehörigen. »Sie tragen eine große Last«, die soll ihnen nicht zu schwer sein, dafür werden sie vom Sozialdienst geschult und einer Psychoonkologin beraten. »SAPV« heißt spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Auch dieses Versorgungsangebot setzt ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Palliativ-Care-Pflegekräften und ambulanten Hospizdiensten um. Im vergangenen Quartal wurden mehr als fünfhundert Palliativpatienten zu Hause betreut. Erkner, Königs Wusterhausen, Strausberg, Bernau – das Versorgungsgebiet ist groß.

Lebensbewusst

Was ist gutes Sterben? Die Chefärztin der Abteilung Palliativmedizin überlegt lange. »Wenn man bis zum Schluss wirklich ernst genommen wird.« Was genau bedeutet das? »Nicht mit seiner Krankheit stigmatisiert zu werden.« Ihn so behandeln, wie es die Situation erfordert, in der sich der Patient befindet. Und bloß kein falsches Mitleid, »einfühlsam und ehrlich, ja das ist es, das macht gutes, würdevolles und friedliches Sterben aus.« Dazu noch die Familie einbeziehen, die besten Freunde. Dann kann sie kommen, der Eintritt in die letzte Ruhe. Und wie ist es bei ihr, hat sich ihre Beziehung zu Sterben und Tod verändert? Das Leben bewusster genießen, lautet die wenig überraschende Antwort, auch alles, was mit der Arbeit auf der Palliativstation verbunden sei.

Die Immanuel Klinik Rüdersdorf ist eine christliche Einrichtung. Glauben kann helfen, schwerste Situationen zu überstehen, mit ihnen umzugehen. Die Betreuung der Patienten auf der Palliativstation sei nicht unbedingt von Glauben bestimmt. Aber, meint die Chefärztin, alles hängt letztlich dann doch zusammen: »Dem Leben zuliebe« ist das Motto der Immanuel Diakonie. Auf der Palliativstation in Rüdersdorf bekommt dieser Anspruch keine andere, aber eine noch intensivere Bedeutung.

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Dr. med. Kerstin Stahlhut
Chefärztin der Abteilung
Palliativmedizin

Kontakt

Immanuel Klinik Rüdersdorf
Abteilung für Palliativmedizin
Seebad 82/83, 15562 Rüdersdorf b. Berlin
Tel. (033638) 83-0
ruedersdorf@immanuel.de
www.ruedersdorf.immanuel.de

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