Der Arzt als Detektiv

Operation oder nicht: In der Oberlinklinik Potsdam werden alle Behandlungsmöglichkeiten genau geprüft

Dr. med. Thorsten Schuhr, Leitender Arzt Abteilung Extremitätenchirurgie, Departmentleiter Sportorthopädie
Dr. med. Thorsten Schuhr, Leitender Arzt Abteilung Extremitätenchirurgie, Departmentleiter Sportorthopädie

»In der Oberlinklinik wird kein Patient umsonst operiert.« Thorsten Schuhr kennt das Vorurteil, nach dem Ärzte allzu gern und allzu schnell zum Skalpell greifen. »Nicht hier, nicht bei uns«, betont der Leitende Arzt des Bereichs Sportorthopädie. Wenn nicht operiert werden muss, dann wird auch nicht operiert, »daran halten wir Ärzte uns schon immer«.

Der Patient bekommt in der Orthopädischen Fachklinik das bestmögliche Behandlungsverfahren angeboten. Dafür sind Dr. Schuhr und seine Kollegen nicht nur durch ihr Fachstudium geschult: Sie bilden sich ständig fort, tauschen sich aus und verstehen sich auch als Wissenschaftler auf der Suche nach Ursachen und immer besseren Behandlungsmöglichkeiten.

Alles wird nachgefragt und abgeklärt

Operative Behandlung, nicht-operative Behandlung – die Indikationen entscheiden. Dabei hilft auch die Einbindung der Fachklinik in den Oberlinhaus-Verbund mit Tagesklinik, Medizinischen Versorgungszentren, Rehazentren und Ambulanz: In diesen Einrichtungen werden die Patienten konservativ behandelt, also operationsvermeidend. Natürlich gibt es die vielen Fälle, bei denen ein operativer Eingriff einfach notwendig ist. Gerade mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass künstliche Gelenke implantiert werden müssen. Die sind eine große Errungenschaft, findet Thorsten Schuhr. »Wir sind in der Lage, einer größer werdenden Bevölkerungsgruppe Schmerzarmut und Mobilität zu geben.« Was wäre die Alternative? Dichter Rollstuhlverkehr auf Potsdams innerstädtischer Einkaufsmeile.

In die Oberlinklinik kommen die älteren Patienten mit Stock und Rollator, beim Abschied sind sie oft schon befreit von der lästigen Gehhilfe. In der Orthopädie, Schuhrs Fachgebiet, geht es um Schmerz, Mobilität, Funktionalität. Erst reden, dann anfassen. Kommt einer mit Knieschmerzen zu ihm, dann schaut ihn sich der Arzt genau an: Ist er Bauarbeiter, der ständig auf- und niederknien muss und seine Gelenke dauerbelastet? Hat der Patient andere Stellen, die auch schmerzen? Alles muss nachgefragt und abgeklärt werden, der Arzt als Detektiv. Der Schmerz wird nie allein behandelt. Thorsten Schuhr spricht vom »organischen Korrelat«, dem Verursacher. Einem erfahrenen Arzt genügen drei, vier Handgriffe. Schon weiß er, ob das Gelenk noch funktioniert, der Fuß, die Hüfte, das Knie. Muskulatur in Ordnung, Bänder vielleicht verkürzt? Das Gelenk ist instabil? »Das alles finden wir auch ohne Röntgenbild heraus.« Ein Gespräch rundet das Bild ab – wo genau der Patient sich eingeschränkt fühlt, ob nur das wöchentliche Sportpensum darunter leidet oder der Schmerz den kompletten Alltag beeinflusst. Hat der Arzt die wichtigsten Informationen, so unterteilt er die Krankheit in ein bestimmtes Stadium, den Schweregrad.

Von Fall zu Fall

Und er spricht wieder mit dem Patienten, »er ist unser Partner«. Das Prinzip der professionellen Distanz, nach dem der Arzt möglichst neutral reagieren sollte, um den Patienten nicht zu beeinflussen, ist überholt: Der Arzt ist wie ein Freund, mit dem man eine schwere Situation gemeinsam durchsteht. Dieser Ansatz ist nicht neu, Seneca hat ihn den Medizinern schon vor zweitausend Jahren empfohlen. Der Patient muss zustimmen. Ihm ist ausreichend Zeit zu geben, in die empfohlene Behandlungstherapie einzuwilligen – keinen Notfall vorausgesetzt. Es hat sogar eine bundespolitische Dimension: Im Koalitionsvertrag ist dieses umfassende Abwägen und Prüfen aller Behandlungsmöglichkeiten festgeschrieben. Und auch das sei nichts Neues, meint Dr. Schuhr, »nur ist das jetzt für alle verständlicher formuliert«. Wenn der Patient also nur ein Mal in der Woche Schmerzen spürt und er sich noch gut bewegen kann, dann genügen rehabilitative Maßnahmen zum Muskelaufbau. Die Schmerzen beseitigen Medikamente; ohne Nebenwirkungen, richtig dosiert. Eine äußere Stütze hilft dem Kniegelenk, sich richtig zu bewegen. Und diese Schritte sind nur ein Auszug, »Chirotherapie, Akupunktur – es gibt noch viele Behandlungsmöglichkeiten«. Und der Arzt kontrolliert; ständig, auch nach der Behandlung. »Der Patient bekommt einen Termin und soll mir sagen: war die Therapie gut oder war sie es nicht.«

Die beste Behandlung

Für Thorsten Schuhr geht es um die »Sinnhaftigkeit« von Operationen. Er schildert einen Fall, den extrem schnellen Knorpelverschleiß. Ein Patient kommt zu ihm, macht einen guten Eindruck, ist gut zu Fuß, trotz der Schmerzen. Beim nächsten Besuch zeigen die Röntgenbilder: Der Knorpel im Knie ist komplett weg. Da macht eine nichtchirurgische Therapie keinen Sinn mehr. Sie bedeutet nur Zeitverlust. Der Betroffene verliert die Koordination, dann Kraft und Beweglichkeit. Da ist der verantwortliche Arzt in der Pflicht zu entscheiden, ab wann eine Operation unumgänglich ist. Und um unnötige Wartezeiten möglichst zu vermeiden, werden Patienten nach Dringlichkeit terminiert. »Daran halten wir uns. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir Ärzte sind«, die die beste Behandlung anbieten müssen. Und die für den Patienten passende – mit oder ohne Operation.

Kontakt

Oberlinklinik – Orthopädische Fachklinik
Rudolf-Breitscheid-Straße 24, 14482 Potsdam
Tel. (0331) 763-4312
fachklinik@oberlinhaus.de
www.oberlinklinik.de

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